mein erster ultra

50 km beim herbstwaldlauf bottrop

Am 05. November klingelte der Wecker um 7 Uhr. Leicht verkatert und übermüdet quäle ich mich aus dem Bett. Die Nacht war etwas zu kurz und ich bin noch nicht wirklich wach, weiß aber immerhin wo ich bin und warum der Wecker klingelt. 

Mein Vorteil? Fast alle Trainingsläufe in diesem Sommer habe ich um sechs oder sieben in der früh gestartet, mein Körper kennt den Ablauf also. Früh aufstehen, anziehen, loslaufen. 

Während ich mich fertig mache, frage ich mich, wer auf die Idee kommt, am Tag nach einer Hochzeit seinen ersten Ultramarathon zu laufen. Naja, die Antwort kennen wir...

Außerdem scheint es in Strömen zu regnen, auch wenn es draußen so dunkel ist, dass ich mir nicht sicher bin. Die Geräusche lassen es vermuten und ein Blick auf die Wetter-App bestätigt den Verdacht: Regen aktuell, Vorhersage für Regen bis 10 Uhr. 

In weiser Voraussicht habe ich bereits am Vormittag zuvor alle Laufsachen in der Küche zurecht gelegt und einen Gürtel mit einigen Taschentüchern und zwei Gels bestückt. Als ich mich dann aber auf den Weg mache, fällt mir auf, dass ich nicht an die lange Jogginghose gedacht habe, die ich normalerweise vorm Start IMMER über der kurzen Laufhose trage, es sei denn es ist warm. Dafür hab ich drei Laufjacken eingepackt, man merkt wie unfassbar wach ich war.

 

der start

Andre, der ambitionierte Ultraläufer der im Artikel Warum will ich Ultra bereits erwähnt wurde und für meine Anwesenheit an der Startlinie in erster Linie mitverantwortlich ist, war so nett am Samstag Nachmittag meine Startunterlagen mitzunehmen, während ich in einer Trauungszeremonie saß und etwas Pipi in den Augen hatte.

So sitzen wir also um acht Uhr bei heftigstem Regen im Auto auf dem Parkplatz der Zeche Prosper-Haniel, des letzten noch aktiven Steinkohle-Bergwerks im Ruhrgebiet. Dass auch hier 2018 Schicht im Schacht sein wird, hat sowohl im Freundes -als auch im Familienkreis schon für einigen Gesprächsstoff gesorgt und fühlt sich irgendwie komisch an, dazu aber an anderer Stelle mehr. Auch ums Frühstück hat Andre sich dankenswerterweise gekümmert und wir essen OatCakes und Nüsse, auch wenn ich viel zu müde für Hunger bin. Eine Weile wird noch diskutiert ob eine Regenjacke clever ist, ich entscheide mich letztendlich dafür.

Auf dem Weg vom Auto durch den immer noch sehr starken Regen treffen wir einige für mich (un)Bekannte, man kennt sich offensichtlich unter den Ultras. Vorm Start muss ich nochmal dringend für kleine Mädels, die Schlange ist aber ellenlang und scheint ausschließlich aus 6,8k , 10k und 25k -Läuferinnen zu bestehen, die erst 1-2h nach uns starten. Als ich um 9 Minuten vor 9 (Startzeit) immer noch zwei Leute vor mir hab, frag ich tatsächlich, ob ich dazwischen darf. Und um kurz vor neun stehen wir im Startblock. Hier merke ich schon den Unterschied zu Marathonläufen oder anderen Wettkämpfen, in denen man schon eine halbe Stunde vorher im Startblock steht. Es ist nicht besonders voll & man steht noch gemütlich quatschend zusammen bis das Startsignal ertönt.

 

die ersten 10km

Ich finde bei jedem längeren Lauf, egal ob Training oder Wettkampf, sind die ersten 10km entscheidend. Entweder laufe ich mich langsam warm, entwickele Freude auf den Lauf und bin nach 10km im Rhythmus und vollkommen entspannt. Oder - und das ist zum Glück eher selten der Fall- ich quäle mich schon nach einigen Kilometern und kriege Panik, den Rest nicht zu schaffen. Für Sonntag habe ich mich mit einem mentalen Ausweg angemeldet: notfalls hörst Du nach einer Runde = 25km auf. Der 50km-Lauf führt nach 25km einmal durchs Ziel und würde eine perfekte Möglichkeit bieten, auszusteigen. Andererseits war mir von vorneherein klar, dass ich das nur äußerst ungern tun würde. Wahrscheinlich nur mit dem Kopf unterm Arm oder so, und als wir die Startlinie überquert hatten, war aufgeben eigentlich keine Option mehr. Und glücklicherweise liefen die ersten 10km gut. Die Müdigkeit verabschiedete sich langsam, genau wie der Regen. Okay, Regenjacke war ne blöde Idee, aber egal. Die Beine waren locker und ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass ich unter ungünstigen Bedingungen gestartet war. Und diese ersten 10km haben mich positiv gestimmt für die nächsten 40. Bester Kommentar nach 8 Kilometern : nun ist es nur noch ein Marathon!

km 10-40

Es war schon ein bisschen verrückt, immer eine doppelte Streckenmarkierung zu sehen: Du bist bei Kilometer 13 aber auf dem Boden steht 13 / 38. Und du weißt, wenn Du beim nächsten Mal hier bist, hast Du es fast geschafft aber wahrscheinlich auch wesentlich schwerere Beine und vielleicht einen sperrigen Kopf. Ich hab am Anfang noch einige Gedanken daran verschwendet, ab wann es wohl schmerzen wird oder wann eben der Kopf mir Probleme machen wird. Gerechnet habe ich damit ab km 30 und die Zeit bis dahin verging wie im Flug. Als wir nach der ersten Runde bei km 25 das erste Mal durchs Ziel laufen, war die Stimmung super! Ein nettes Publikum stand schon in der Kurve vor dem Zieleinlauf und der Geruch von Bratwurst hing in der Luft, Musik lief. Irgendwie verrückt, dass das hier für uns nur die Hälfte markierte. Trotzdem war es eine nette Abwechslung zu den ruhigen Pfaden durch den Wald. Es ging also wieder in den Wald hinein und so langsam verlief sich auch die Läufergruppe auf der Strecke. Die langsameren 25km-Läufer kamen uns entgegen und der erste Ultraläufer war mit seiner Wahnsinns-Zeit schon im Ziel. 

An dieser Stelle einige Worte zur Organisation : es gab wirklich viele Verpflegungspunkte, die wir ab km 10 auch genutzt haben & es war alles da, was das Läuferherz begehrt. Ich habe noch nie zuvor während eines Laufs was anderes als Gel oder Fruchtmus zu mir genommen und man soll ja eigentlich im Wettkampf nichts neues ausprobieren aber ganz ehrlich, irgendwie hab ich den Lauf gar nicht als Wettkampf gesehen. Dafür war die Atmosphäre viel zu entspannt. Also hab ich mir schon ab der dritten oder vierten Verpflegungsstation einen Ruck gegeben und statt nur Tee und Wasser zu trinken (sichere Bank) mit den anderen entspannt gegessen (in meinem Fall Schokolade & Kräcker) und Cola getrunken. Hat mir erfreulicherweise überhaupt keine Probleme bereitet... 

Die Helferlein am Weg und an den VPs waren einfach toll! Super nett, haben immer ein paar nette Worte gesagt und der Verkehrs-Reglungs-Mensch (haben die einen Namen) an der ersten und einzigen Straßenkreuzung ist mein persönlicher Held: Er hat einfach den ganzen Tag für jeden einzelnen geklatscht und gejubelt und das während er in der Kälte auf einer Straße stand. Was eine Ausdauer!

Mit Essen & Quatschen & langsam und entspannt Laufen & liefen sich die Kilometer eigentlich wirklich wie von selbst. Und als wir über die 40km-Markierung gelaufen sind, konnte ich es kaum fassen. Nur noch 10km to go und immer noch keine Probleme ! 

die letzten 10km

Meine Begleitun, hatte leider schon seit einigen Kilometern mit Magenproblemen zu kämpfen & musste dadurch einige Gehpausen einlegen. Da mir langsam aber sicher kalt wurde und ich in meiner vielleicht nicht immer zuckersüßen Art ihn zum Weiterlaufen zu motivieren vielleicht auch etwas nervig wurde, habe ich mich bei km 42 dazu entschieden, den Rest alleine zu laufen. Ich fand das eigentlich total blöd, schließlich sind wir gemeinsam gestartet und eigentlich finde ich, wer zusammen trainiert oder startet, geht auch gemeinsam ins Ziel. Andrerseits konnte ich nicht abschätzen, wie unerträglich ich mit meinen Motivationstiraden war und ob man bei Magenschmerzen wirklich eine quatschende Begleitung verträgt und nach dem Andre es ab km 30 gefühlt 20 x angeboten hat, habe ich mich dann tatsächlich abgesetzt.

Es war ein bisschen so, als würde ich gerade loslaufen. Wahrscheinlich auch, weil wir es so ruhig haben angehen lassen, denn als ich Gas gegeben hab, merkte ich, dass da doch das ein oder andere Zipperlein war.  Vor allem die Hüftbeuger schmerzten, meine ewige Schwachstelle. Egal, nur noch 8km. Ein Blick auf die Uhr verriet, wenn ich eine konstante 6er Pace laufen würde, wäre ich in weniger als 6h im Ziel, was unser ursprünglicher Plan gewesen ist.

Also bin ich gelaufen. So beflügelt, dass ich die Marathonmarkierung auf dem Boden nicht wahrgenommen habe. Konnte die zwei Jungs überholen,  die die ganze Zeit knapp vor uns gelaufen sind und noch ein paar Menschen, die ich noch nicht gesehen hatte. War auf einmal alleine auf dem Weg und hatte schon Angst, mich zu verlaufen aber die Wegmarkierung war gut. Trotzdem Erleichterung, als ich die nächsten Läufer in nahender Ferne ausmachen konnte.

Ein erneuter Blick auf die Uhr bei km 46 , ich war fast eine 5er Pace gelaufen und das merkte ich an meiner Atmung. Ich könnte sogar unter 5:45h ins Ziel kommen, wenn ich nicht wesentlich langsamer werden würde. Also durchgeatmet, weitergelaufen. Nochmal mobilisiert, was in den Beinen steckte ohne es zu übertreiben. Ich hab mich weiterhin gut gefühlt, nur die Muskulatur in der Hüfte gespürt. 

 

das ziel vor augen

Als es nur noch ein Kilometer zu laufen war, war ich super erleichtert. Fast da! So richtig fassen konnte ich es nicht. Habe langsam überlegt ob wohl irgendjemand im Ziel stehen würde, meinen Eltern hatte ich angekündigt, in keinem Fall vor 15 Uhr da zu sein.

Als ich um die eingangs erwähnte Kurve zum Bergwerk bog, konnte ich noch kein bekanntes Gesicht sehen, aber einige Menschen standen da und haben fleißig Stimmung gemacht. Noch 100, 200 m, fast geschafft.

Dann hab ich auch meine Eltern entdeckt, meine Mama die sich total süß gefreut hat und mein Vater, der seinem Ruf als Papa-Razzi alle Ehre machte und fleißig geknipst hat!

Spätestens zu dem Zeitpunkt war der Zieleinlauf perfekt!

 

Ich war einfach nur happy, froh, dass ich teilgenommen habe, froh, dass ich ins Ziel gekommen bin und dankbar, für einen fantastischen Lauf-Sonntag. Und als der Kommentator (oder wie heißt der Mensch mit Mikro im Ziel?) meinte : "Sie hatte Pech, nur knapp hinter der 3. Frau ihrer Alterklasse ins Ziel zu laufen", konnte ich das kaum fassen. Gut, dass das gar nicht mein Plan war, sonst hätte ich mich am Ende tatsächlich noch geärgert. Aber so ? Nö! 

Ich war einfach nur glücklich & um eine wunderbare Erfahrung reicher!

Mein fazit

Ja, ich hab es befürchtet: Noch am selben Tag, eigentlich schon auf den letzten Kilometern wusste ich, das will ich wieder tun. Das war ja 'nur' ein kleiner Ultra. Ich will sehen, zu was mein Körper in der Lage ist, denn auch 50km habe ich vorher nicht für möglich gehalten. Und ich will nocheinmal dieses entspannte Gefühl eines Laufs ohne Zeitstress genießen!

Dass mir in den Tagen nach dem Lauf kein Muskel wehgetan hat, war für mich außerdem eine angenehme Bestätigung, dass ich in diesem Sommer / Herbst zwar planlos, aber nicht fruchtlos trainiert habe.

Das war also definitiv nicht das letzte Mal, dass ich mich zu einem Ultra hinreißen lasse!

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